Business

Der “böseste” Schweizer kassiert kräftig ab

Die Schweiz wird zur Monarchie: Beim größten Sportereignis des Landes ringen die stärksten Männer am Wochenende ihren König im kuriosen Nationalsport Schwingen aus. Es geht aber nicht nur um Spaß, sondern auch um viel Geld. Denn Schwingen ist ein Millionengeschäft.

Wie ein Sportstar fühlt sich Matthias Glarner, dieser 1,86 Meter große und 114 Kilogramm schwere Koloss mit den baumstammdicken Oberarmen, beileibe nicht. Er sei “einfach der Mättel Glarner aus Meiringen, nicht Single, vom Aussehen her kein Mister-Schweiz-Kandidat”, beschreibt sich der 33-jährige Schweizer und fragt: “Was kann an mir spannend sein?” Eine ganze Menge! Schließlich ist Glarner amtierender König der Schwinger – und rangiert damit auf der nationalen Popularitätsskala nur knapp hinter der lebenden Tennis-Legende Roger Federer.

“Von einem Tag auf den anderen bist du in der ganzen Schweiz eine Person von Interesse”, stellte der verdutzte Regent gegenüber der “Aargauer Zeitung” fest. 2016 in Estavayer krönte sich der “Glarner Mättel” zum König im urigen wie kuriosen Schweizer Nationalsport Schwingen, früher als Hosenlupf bezeichnet. Am Wochenende wird in Zug beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest, alle drei Jahre das größte Sportevent der Schweiz, der nächste Schwingerkönig gesucht.

275 Muskelberge, im Volksmund liebevoll “die Bösen” genannt, steigen dann in Schwingerhosen aus Zwillich und Leder und wollen Glarner vom Thron stoßen. Es geht darum, den Gegner, ähnlich dem Ringen, in einem 14 Meter breiten Sägemehlring auf den Rücken zu werfen. All das umgeben von Fahnenschwingern, Jodlern und Alphornbläsern. Wer nach acht Kämpfen, den sogenannten Gängen, je nach Risikofreude und Attraktivität die meisten Punkte bei den Kampfrichtern erschwungen hat, ist König.

Schwingen ist ein Millionengeschäft

imago31929007h.jpg

Matthias Sempach ist einer der Topverdiener unter den Schwingern.

(Foto: imago/Manuel Winterberger)

Der Titel besitzt in der Schweiz eine immense Strahlkraft. Einen sechsstelligen Betrag könne ein Schwingerkönig allein durch Sponsoring jährlich einnehmen, sagen Marketing-Experten. Die Königswürde an sich bringt aber erstmal nur einen “Muni” als Hauptpreis mit sich. Dieser heißt in diesem Jahr Kolin, ist 1200 Kilogramm schwer, dreieinhalb Jahre alt, frisst pro Tag 20 Kilogramm Heu und ist ein Braunvieh-Stier. Weil aber die wenigsten Schwinger Bauern sind, wählt der König meist den Geldpreis von 30.000 Franken. Für den Zweit- und Drittplatzierten gibt’s jeweils ein Rind, die weiteren Schwinger dürfen sich im rund eine Million Franken schweren “Gabentempel” bedienen. Fast 400 Preise – von der Harley-Davidson mit Edelweiß-Muster über riesige Kuhglocken hin zu einem Hühnerstall und einer Toilettenschüssel – lassen das Schwingerherz höher schlagen.

Weil die Schwinger zehn Prozent ihrer Werbeeinnahmen an den Verband abführen müssen, der das Geld dann in den Nachwuchs investiert, existieren exakte Zahlen über den Salär der Athleten: 2018 kassierten die Schwinger insgesamt stattliche 2,28 Millionen Franken (2,1 Millionen Euro). Matthias Sempach, ehemaliger “König” und inzwischen zurück getreten, soll im letzten Jahr alleine 700.000 Franken (rund 640.000 Euro) verdient haben. Die Tendenz der Einnahmen: Steigend.

Unverwundbarer König will den Titel verteidigen

Mit all seinen Traditionen und Eigenarten treffe das Schwingen einfach “den Nerv der Zeit”, ist sich Glarner sicher, schließlich sei es eine “heimatverbundene Sache, die nur wir Schweizer haben”. Bereits im 13. Jahrhundert ist der Sport auf einem Relief in einer Kathedrale von Lausanne erstmals belegt. Zum Volkssport entwickelte sich Schwingen erst im 19. Jahrhundert, zwischenzeitlich war es sogar als “Lümmelei” verpönt und unter Strafe gestellt. Heute pilgern die Schweizer zu Tausenden zu den zahlreichen Schwingfesten, wo sich die Athleten mit Schwüngen wie dem “Wyberhaagge”, “Brienzer” oder “Gammen” ins Sägemehl werfen.

Das Highlight ist freilich alle drei Jahre das “Eidgenössische”. Dass Glarner dort seinen Titel aber überhaupt verteidigen kann, grenzt an ein Wunder. Vor zwei Jahren war der König für ein Fotoshooting auf das Dach einer Seilbahngondel geklettert – und trotz Sicherung zwölf Meter in die Tiefe gestürzt. Doch das Kraftpaket, abseits des Sägemehls Personalbetreuer bei den Bergbahnen Meiringen-Hasliberg, hatte Glück im Unglück. Den “Bösen” kann eben so schnell nichts anhaben – und deren König schon gar nicht.

Show More

Related Articles

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Back to top button