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Almodóvar zwischen “Leid und Herrlichkeit”

Mit Ende 60 erlaubt Pedro Almodóvar seinen Zuschauern einen Blick in sein Innerstes. Der Spanier vermischt es in “Leid und Herrlichkeit” mit Fiktionalem und arbeitet sich an den Themen und Orten ab, die seit jeher sein Leben und Schaffen bestimmen.

Wer ins Kino geht, ohne sich zuvor mit dem Inhalt des ausgewählten Werks näher beschäftigt zu haben, wird bei “Leid und Herrlichkeit” eine Weile brauchen, bis er es erkennt: Antonio Banderas verkörpert ein abgewandeltes Alter Ego seines Freundes und Stammregisseurs Pedro Almodóvar. Hat man das begriffen, gewinnt der Film noch einmal an emotionaler und poetischer Strahlkraft hinzu.

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Salvador Mallo lebt in Madrid. Er ist 60 Jahre alt und der berühmteste Autor und Regisseur Spaniens. Aktuell aber steckt er in einer Schaffenskrise, denn eine schwere Depression lähmt ihn, ausgelöst unter anderem durch chronische Rückenschmerzen. Vermehrt erinnert er sich jetzt an seine Kindheit im Valencia der 1960er-Jahre, als seine Mutter (Penélope Cruz) alles daransetzte, ihm ein besseres Leben als das ihre zu ermöglichen.

Als Salvadors 32 Jahre alter Klassiker “Sabor” noch einmal im Kino gezeigt werden soll, kehren seine Lebensgeister für einen kurzen Moment zurück. Er will sich sogar in die Öffentlichkeit wagen und den Film im Rahmen einer Retrospektive höchstpersönlich präsentieren. Und das obendrein an der Seite des Hauptdarstellers Alberto Crespo (Asier Etxeandia). Mit ihm ist Salvador seit dem Dreh damals verkracht, die zwei haben anschließend kein Wort mehr miteinander gewechselt. Auslöser dafür war Crespos Heroinsucht, die er inzwischen unter Kontrolle zu haben scheint. Davon beeindruckt, lässt sich Salvador – trotz seines fortgeschrittenen Alters – dazu hinreißen, die Droge selbst mal zu probieren. Mit langfristigen Folgen, denn das Heroin betäubt nicht nur seinen physischen, sondern auch seinen emotionalen Schmerz. Dann taucht wie aus dem Nichts auch noch Salvadors große Liebe Frederico (Leonardo Sbaraglia) nach sehr langer Zeit plötzlich wieder auf …

Katholizismus und Homosexualität

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Salvadors Mutter will, dass ihr Sohn es mal besser hat als sie.

(Foto: Studiocanal / El Deseo / Manolo Pavón)

In der ersten Ebene beschäftigt sich “Leid und Herrlichkeit” mit dem Leben des gealterten Salvador Mallo in Madrid, dem Ort, der auch für Almodóvars kreatives Schaffen und sein persönliches Leid steht. Die zweite gilt der einfachen, aber behüteten Kindheit des Protagonisten, der Verehrung der Mutter, aber auch den Schwierigkeiten des allgegenwärtigen Katholizismus und der ersten aufkeimenden Homosexualität Salvadors. Die Verknüpfung dieser 50 Jahre auseinanderliegenden Zeitachsen lässt beim Zuschauer das Verständnis für den gefallenen Mallo stetig wachsen. Das ist zu Beginn auch nötig, denn einen 60-jährigen Mann zu verstehen, der sich am Heroin versucht, ist nicht so einfach – allerdings gehört dieser Part laut Almodóvar zum fiktionalen Teil der Geschichte. So werden sämtliche Marotten und die gelegentliche Arroganz Mallos irgendwann von der wachsenden Empathie des Betrachters aufgefressen und durch tiefes Mitgefühl und Sympathie ersetzt. Vor allem die verflossene Liebe zu Frederico lässt einem ganz warm ums Herz werden.

Wie gewohnt ist der neue Almodóvar-Film poetisch, emotional, voller Liebe, Leid und Trauer, lässt aber den Optimismus früherer Werke vermissen. Die wunderbaren Bilder, gedreht von Almodóvars Stammkameramann José Luis Alcaine, fangen die Poesie der Geschichte optisch ein und geben sie wieder. Auch tut es dem Film gut, dass Antonio Banderas nicht etwa eine billige Kopie seines Freundes Almodóvar liefert, sondern einen ganz eigenen Charakter, der dem Ideengeber in seinen Grundzügen ähnelt. “Leid und Herrlichkeit” ist der persönlichste Film, den der 69-jährige Pedro Almodóvar je gemacht hat, und trotz allen Schmerzes ist ihm eine melancholische Selbstreflexion gelungen, die ohne jegliche Form des Mitleidheischens auskommt.

“Leid und Herrlichkeit” startet am 25. Juli im Kino.

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