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“So weh es tut …”: Zwei SPD-Politiker antworten auf den Abschiedsbrief einer langjährigen Wählerin

Der Abschiedsbrief der stern-Autorin Ulrike Posche an die SPD hat sie ins Herz getroffen. Christina Kampmann und Michael Roth kandidieren für den Parteivorsitz. Hier ihre Antwort.

Von Christina Kampmann und Michael Roth

Im Tandem: Michael Roth, 48, ist Staatsminister im Auswärtigen Amt, Christina Kampmann, 39, war Familienministerin in Nordrhein-Westfalen

Liebe Frau Posche,

Sie haben der SPD im stern einen Abschiedsbrief geschrieben und begründet, warum Sie unsere Partei nie wieder wählen wollen. Wir fühlen uns angesprochen. Und wir wollen Ihnen antworten. Nicht nur, weil sie mit Christina Kampmann eine von uns beiden erwähnt haben. Ich, Christina, bin zwar in einem Gütersloher Krankenhaus geboren, bin aber in Bielefeld zu Hause. Und dass ich mich in der vorigen NRW-Landesregierung mit viel Herzblut um Familien und junge Menschen gekümmert habe, muss ja für die Kandidatur um den SPD-Vorsitz kein Makel sein.

Sie haben sehr eindrücklich beschrieben, warum Sie trotz mancher Enttäuschungen immer wieder sozialdemokratisch gewählt haben. Sie schreiben von Ihrer Oma und diesem Gefühl, “wenn man SPD wählt, ist man bei den Guten”. Gerade diesen emotionalen Zugang zur SPD, den kennen wir auch. So sind wir in die SPD buchstäblich hineingewachsen. Ich, Michael, erinnere mich noch gut an meinen Urgroßvater Gustav, der als Marinesoldat schwer versehrt aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrte und als Bergmann in meiner Heimatstadt Heringen die SPD mitbegründete. Für ihn war die Partei stets ein Bollwerk für Frieden und Gerechtigkeit.

Und mir, Christina, geht es mit der SPD ein wenig so wie mit Arminia Bielefeld. Weder den Lieblingsverein noch die Partei sucht man sich nach taktischen Gesichtspunkten aus. Das ist echte Herzenssache! Und als Arminia-Fan und SPD-Mitglied weiß ich, was es heißt, dranzubleiben, auch wenn der Weg mal nicht schnurstracks geradeaus führt. Ja, da gehört ein gutes Stück Leidensfähigkeit dazu, aber eben auch dieses Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Selbstläufer gibt es weder im Fußball noch in der Politik, und glauben Sie mir: Eine Schönwetter-Sozialdemokratin werde ich ganz sicher nie sein. Ich bin fest davon überzeugt: Auch für die SPD kommen wieder bessere Zeiten, wenn sie jetzt mutig einen neuen Aufbruch wagt.

“Peinlich, traurig, unanständig, dämlich” – Ihr Urteil über die SPD fällt schonungslos aus. Und so weh es tut: Da ist auch einiges dran, aber ganz so wollen wir Ihre Kritik nicht stehen lassen. Die SPD hat sicher einige Fehler gemacht. Aber wir übernehmen auch Verantwortung und werfen eben nicht bei Nacht und Nebel das Handtuch wie andere. Auch wir ärgern uns über manche Fehler. Und die SPD ist nun wirklich die Partei in unserem Land, die sich am deutlichsten dazu bekennt. Denn, das muss man auch mal sagen: Wie viel Selbstkritik hören Sie denn von anderen Parteien? Wir beide laufen nicht weg, sondern wollen mit anpacken, damit die SPD künftig wieder stärker wird. Wir wollen hart dafür arbeiten, dass Parteianhängern und Journalistinnen bald wieder andere Adjektive in den Sinn kommen, wenn sie über die älteste Partei Deutschlands reden und schreiben.

Trotz mancher Fehler hat die SPD in einem Punkt immer richtig gelegen: Unsere Partei ist stets für den Frieden eingetreten, hat Demokratie und Freiheit verteidigt – gegen den Kaiser und Bismarck, gegen Hitler und die Kommunisten. Sie ist das älteste Bündnis gegen rechts. Das ist Teil ihrer DNA – seit 156 Jahren. Und sie hat dafür einen hohen Blutzoll entrichtet. Tausende Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wurden seit der Parteigründung 1863 verfolgt, unterdrückt, gefoltert, ermordet. Daran sollten wir immer wieder erinnern. Aber noch viel wichtiger ist es, daraus einen Auftrag für gegenwärtiges Handeln abzuleiten.

Denn wir alle spüren das doch: Demokratieverdruss und -verachtung machen sich in der Mitte unserer Gesellschaft breit. Der Kampf gegen rechts richtet sich schon lange nicht mehr nur gegen die Ewiggestrigen und Glatzen in Springerstiefeln. Es geht um das Überleben unserer Demokratie. Unsere SPD bringt mit ihrer Geschichte eine ganz besondere Glaubwürdigkeit und Leidenschaft mit, um den Aufstand der Anständigen gegen Nationalismus und Populismus, gegen Hass und Gewalt anzuführen. Unsere offene, liberale, wertebasierte Gesellschaft braucht jetzt Freundinnen und Freunde, die lautstark ihre Stimme erheben und unsere Demokratie, das vereinte Europa entschlossen verteidigen.

Hier hat die SPD nach wie vor ihren Platz, liebe Frau Posche!

In Ihrem Brief beklagen Sie den Umgang von Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten untereinander. Wir teilen Ihre Kritik ausdrücklich. Wir möchten sogar darüber hinausgehen. Nicht nur das Führungspersonal geht bisweilen respektlos miteinander um. Ein kurzer Blick in die sozialen Medien reicht aus, um erschrocken, bisweilen sogar fassungslos festzustellen: Eine Partei, in der man so persönlich und unerbittlich streitet, hat ein ernstes Problem. Und wir als NRWlerin und Hesse haben die von Ihnen angesprochenen Zeiten in Wiesbaden und Düsseldorf noch sehr genau vor Augen.

Deswegen ist uns umso mehr bewusst: Wer für sich in Anspruch nimmt, die Partei der Solidarität zu sein, muss auch in den eigenen Reihen anständig und solidarisch miteinander umgehen. Hier haben Sie uns auf Ihrer Seite. Zum Glück sehen das die allermeisten Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten genauso.

Und noch wichtiger: Wir wollen künftig anders auftreten. Viel zu oft kommt die SPD als verzagter, schlecht gelaunter Haufen daher. Wir müssen nach außen wieder viel mehr Selbstbewusstsein, Zuversicht und Freude ausstrahlen. Unsere Partei soll künftig wieder ein Zuhause für Optimisten, Macherinnen, Weltverbesserer und Visionärinnen bieten. Sie soll wieder aufhorchen lassen und als spannender Ort großer Debatten und Visionen wahrgenommen werden. Und vielleicht haben auch Sie dann wieder Lust, bei uns mitzumachen, liebe Frau Posche.

Wir bauen nach wie vor darauf, dass die SPD jetzt diese Chance nutzt und die richtigen Konsequenzen zieht: Sie muss Anstand und Respekt leben, den Widerstand der Anständigen gegen die Feinde der Demokratie anführen. Sie muss Europa und unser Land zusammenhalten. Sie muss den Mut haben, ihre ständigen Selbstzweifel zu überwinden, und Lust haben, die Welt wieder ein Stückchen besser zu machen. Es reicht eben nicht, noch ein paar neue Konzeptpapiere zu schreiben und die SPD wie Moses aus der GroKo in das gelobte Land der Opposition zu führen. Die GroKo ist nicht unser Wunschbündnis – aber unsere Probleme liegen doch viel tiefer. Sie haben in Ihrem Brief eine Reihe davon klar benannt. “Niemals geht man so ganz” – das hat schon Trude Herr gesungen. Bitte geben Sie der SPD noch eine Chance. Sie ist es wert.

Mit herzlichen Grüßen

Ihre Christina Kampmann und Ihr Michael Roth

Dieser Text stammt aus dem aktuellen stern

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